Schwesing. Kürzlich hat Kommodore Oberst Marco Manderfeld Schwesings Gemeindevertreter darüber informiert, dass der Flugplatz im Ort ab Herbst nächsten Jahres ausschließlich militärisch genutzt wird. Das bedeutet das Aus für jegliche zivile Mitnutzung – und davon gibt es jede Menge auf diesem etwas abseits gelegenen Gelände. Dort wird das israelisch-amerikanische Raketenabwehrsystem Arrow 3 stationiert, das ballistische Raketen außerhalb der Erdatmosphäre in Höhen von über 100 Kilometern abfängt. Das wird rund um die Uhr scharf geschaltet.
Der Verkehrslandeplatz Husum-Schwesing mit dem internationalen Kürzel EDXJ, wie er offiziell heißt, hat eine kaum bekannte überregionale Bedeutung. So starten von dort immer wieder Organtransporte. Wegen der erforderlichen Schnelligkeit geschehe das mit Flächenflugzeugen, Hubschrauber seien keine Alternative, sagen Fachleute. Auch etliche Besucher der Windmesse in Husum nutzen den Platz. Im Vorjahr sei der Platz 6.273 mal angeflogen worden.
Die Firma Tennet, einer der größten Betreiber von Stromnetzen, hat sich dort fest etabliert und versorgt von dort mit Helikoptern Offshore-Anlagen. Firmen starten von Schwesing aus Vermessungsflüge. Andere dienen der Naturbeobachtung auf der Nordsee. Hubschrauber tanken, um die Stromtrassen in der Luft begutachten zu können. Patienten werden zwischen Rettungshubschrauber und Rettungswagen verlegt. Selbst der ADAC und die Bundespolizei fliegen den Platz regelmäßig an.
Ralph Kahl, ein Spezialist, der in seiner Werkstatt Luftfahrzeuge aus Norddeutschland und Skandinavien lackiert, ist für lange Zeit ausgebucht – und muss sich nun neu aufstellen. Sein Bruder Jens Kahl betreibt eine private Flugschule, die seit 2010 245 Luftfahrer ausgebildet hat. Das Luftfahrtunternehmen Fly-SPO hat in den Hangars auf dem Gelände vier Flugzeuge untergestellt. Die Geschäftsführer Susanne Scheithauer und Frank Koinzer hatten sich dort nach weltweiten Flügen auf Langstrecken großer Airlines niedergelassen, um von Schwesing aus ihre Rundflüge über das Wattenmeer anzubieten. Die Gesellschaft Flughafen Husum ist für den laufenden Betrieb auf dem Platz verantwortlich, verbunden mit fünf Dauerarbeitsplätzen. Sie kümmern sich um Geschäftsführung, den Dienst auf dem Tower sowie um Feuerwehr, Tankstelle, Beleuchtung der Landebahn sowie die Hallen und die Unterbringung der rund 20 Luftfahrzeuge dort.
Heimatlos ist damit auch die Sportfluggruppe Husum (SFG) mit ihren 110 Mitgliedern, von denen die Hälfte aktive Piloten sind. Etliche von ihnen haben Wurzeln in der Bundeswehr, denn die Luftwaffe hatte einst bundesweit an ihren Standorten Sportfluggruppen als Vereine gründen helfen. Über sie sollte der fliegerische Nachwuchs gewonnen werden. Volker Schlee ist zweiter Vorsitzender der SFG. Er war selbst bei der Luftwaffe und schwärmt von der großen Unterstützung seit den sechziger Jahren durch die Bundeswehr. Die unmittelbare Nachbarschaft – nur ein Eisenzaun trennt in Schwesing militärischen und zivilen Bereich – „hat immer funktioniert“, sagt er. Alle Fragen seien pragmatisch geklärt worden, auch mit dem jetzigen Kommodore Manderfeld. Schlee weiß aber auch, dass die Luftwaffe auf etlichen Plätzen die Konversion, also die Umwandlung zu zivilen Zwecken abbremst oder Immobilien wieder reaktiviert.
„Uns schmerzt sehr, nun per Herbst 2027 gekündigt worden zu sein“, sagt Oliver Janoschka, Vorsitzender der SFG. Gespräche, wo Mitglieder und Maschinen unterkommen können, haben begonnen. Fast wöchentlich gibt es Treffen mit Vereinen im Land, die ihre Flugplätze noch nutzen können. Irgendwann werden die Mitglieder entscheiden, wo sie ihren Sport fortsetzen wollen, erklärt Janoschka.
Claus Cordes ist Präsident des Luftsportverbandes Schleswig-Holstein und des Dachverbandes Deutscher Aero-Club. Er sieht den Verlust jedes Flugplatzes in Deutschland kritisch, denn Jugendliche können bereits ab 14 Jahren fliegen lernen. Sie seien auf kurze Wege zu Plätzen und Vereinen angewiesen. Für viele sei beispielsweise der Segelflug der Grundstein für eine erfolgreiche Karriere bei großen Fluggesellschaften oder der Luftwaffe. Cordes selbst hat zuletzt den Airbus A 380 geflogen. Er ist nicht nur Pilot, sondern Flugzeugingenieur und weist daher auch auf die Bedeutung für den Technik-Nachwuchs hin: „Wir brauchen Ingenieure und keine Influencer ohne jede Erfahrung.“ Durch das Fliegen und den Kontakt zur Technik können sogar Vorbehalte gegenüber den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) abgebaut werden – von der emotionalen Seite des selbstständigen Steuerns eines Flugzeugs ganz abgesehen. Die Dänen, sagt Claus Cordes, machen es vor. Die Luftwaffe veranstalte jährlich Erlebniswochen für Jugendliche, ein Drittel entscheide sich danach für eine Karriere beim Militär.


